Die Zukunftsorientierung steht bei der Mediation im Vordergrund. Es soll nicht problem- und vergangenheitsorientiert verhandelt werden, sondern lösungs- und zukunftsorientiert. Unsere Erfahrung in der Wirtschaftsmediation zeigt jedoch, dass es für die Konfliktbeteiligten oftmals nicht möglich ist, von der Vergangenheit abzusehen, denn dort ist der Konflikt entstanden, dort wurden Missverständnisse und Verletzungen erfahren, dort begann die Eskalation. Doch wie kann in der Mediation konstruktiv mit der Vergangenheit umgegangen werden? Inwieweit ist die Beleuchtung der Vergangenheit für die Ergebnisoffenheit der Medianten erforderlich?

Der narrative Ansatz aus der systemischen Therapie und Beratung hat uns inspiriert. Er arbeitet bewusst mit der Vergangenheit und der subjektiven Wirklichkeit jedes Menschen, die durch Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle und Deutungen entsteht und der durch Erzählung Ausdruck verliehen wird. Sie beruht nicht auf Fakten oder dem Glauben, dass es wirklich so war, sondern auf der subjektiven Präsenz der jeweiligen Person in Raum und Zeit. Da Menschen durch einen Konflikt naturgemäß eine Verengung des Denkens erleben und die Wahrnehmung der Gegenwart überschattet und stark beeinflusst wird durch Glaubenssätze, die in der Vergangenheit geschaffen wurden, können Lösungsmöglichkeiten oft gar nicht erkannt werden. Die narrative Konfliktarbeit erlaubt es diese verengten und totalisierenden Konfliktgeschichten zu entzerren, indem die subjektiven Sichtweisen der Parteien wertfrei und  wertschätzend anerkannt und gegenüber gestellt werden. Der Blick wird geweitet und Verständnis für einander aufgebaut. Ziel ist es die Beziehung der Konfliktparteien hierdurch so zu verändern, dass gemeinsam eine „alternative gemeinsame Geschichte“ geschrieben wird, indem „das ganze Bild“ entsteht.

Wir nutzen diesen Ansatz und wandeln ihn ab, indem wir nur kurz die Konflikthistorie beleuchten lassen. Insbesondere in stark eskalierten Mediationen und komplexen Sachverhalten (oftmals mit anhängigen Gerichtsverfahren) ist es unserer Erfahrung nach nicht hilfreich die komplette Konfliktgeschichte erzählen zu lassen und die negativen Emotionen und Glaubenssätze der Beteiligten dadurch erneut aufzuladen. Stattdessen erstellen wir gemeinsam mit den Medianten (zu Beginn der Themensammlung) eine Konflikthistorie im Sinne eines visualisierten Zeitstrahls. Dabei werden die Ereignisse in der Vergangenheit mit Daten, Vorkommnissen und subjektiven Sichtweisen kurz zusammen getragen und visualisiert. Jeder Mediant erhält die Möglichkeit für ihn wichtige Erlebnisse darzustellen. Und erlebt, dass die – in der Regel – unterschiedlichen Narrative der Beteiligten in einem gemeinsamen Bild zusammen gefügt werden können. Dies allein wird häufig schon als entlastend und befreiend empfunden. Distanz zum Konflikt entsteht und der Blick kann verständnisbasiert in die Zukunft gerichtet werden. Probieren Sie es aus!